Warum der Ausstieg aus toxischen Beziehungen so schwer fällt

Einfluss der eigenen Lebensgeschichte

Jeder Mensch bringt seine individuelle Lebensgeschichte mit. Erfahrungen und Prägungen aus der Kindheit formen die Persönlichkeit und beeinflussen maßgeblich, wie wir in Systemen agieren und welche Rolle wir dort einnehmen

 

Regeln und Werte in Systemen

Jedes System – sei es Familie, Gesellschaft, Religion oder eine Gruppe – verfügt über eigene Regeln, Gebote, Verbote und ethische Werte. Wer Teil eines Systems sein und bleiben möchte, muss diese Regeln befolgen. Ein Verstoß kann dazu führen, dass man aus dem System ausgeschlossen wird.

 

 

Genau an diesem Punkt liegt eine der größten Hürden: Die Angst vor Ablehnung und dem Verlust der Zugehörigkeit. Der Wunsch, Teil des Systems zu bleiben, macht den Ausstieg oft besonders schwer.

 

Der Wunsch nach Zugehörigkeit

Schon 1911 betonte Alfred Adler in der Individualpsychologie, dass der Mensch ein soziales, zielorientiertes Wesen ist, das vom Streben nach Zugehörigkeit und Bedeutung in der Gemeinschaft angetrieben wird.

Aus meiner Erfahrung ist dies der wichtigste Treibstoff, der toxische Beziehungen am Laufen hält. Solange es mir wichtig ist, „dazu zu gehören“, greifen Manipulationstechniken wie Schuldumkehr, Hoovering, Schweigebehandlung oder Ghosting. Erst wenn Zugehörigkeit keine Priorität mehr hat, können Betroffene sich abwenden und Menschen suchen, die sie wertschätzen statt manipulieren.

 

 

Trauma-Bonding - Bindung durch Missbrauch

Wechsel zwischen Misshandlung und Belohnung

Viele Betroffene stammen aus einem Umfeld, in dem sie emotional oder körperlich missbraucht wurden. Das kann in der Herkunftsfamilie, im Freundeskreis, in Schule oder Verein geschehen sein.

 

Typisch ist ein Kreislauf aus Misshandlung (Bestrafung) und Belohnung (Wertschätzung, Entschuldigungen, Geschenke).
Das Opfer deutet Belohnungsphasen als Bestätigung der Beziehung und die Misshandlung oft als Strafe für eigenes Fehlverhalten.

Folgen des Trauma-Bondings

  • Entwicklung eines eigenen inneren Regelwerks
  • permanente Selbstkontrolle („Habe ich die Regeln eingehalten?“)
  • wachsende Abhängigkeit und Selbstzweifel
  • kognitive Verzerrungen
  • Ausrichtung des Lebens auf die nächste „Belohnung“

Oxytocin (Bindungshormon)

Das Kuschelhormon als Bindungsfalle

Oxytocin, auch bekannt als Bindungshormon, verstärkt das Gefühl von Nähe und Verbundenheit. Es wird durch körperliche Nähe, Sex oder sogar Blickkontakt ausgeschüttet.

In toxischen Beziehungen übernimmt Oxytocin eine tragische Rolle:

  • Auch in missbräuchlichen Situationen wird es ausgeschüttet.
  • Es entsteht ein künstliches Gefühl von Verbundenheit.
  • Der toxische Partner wird zum „Dealer“, der entscheidet, wann der nächste „Schuss“ an Nähe kommt.

 

Wer lange in solchen Beziehungen war, erlebt beim Ausstieg starke körperliche und psychische Entzugserscheinungen.

 

Parentifizierung

Wenn Kinder zu Eltern werden

Wenn Kinder die Rolle der Eltern übernehmen müssen, spricht man von Parentifizierung. Das passiert, wenn Eltern durch Krankheit, Überforderung oder emotionale Probleme ihre Aufgaben nicht erfüllen können.

Folgen der Parentifizierung

  • Kinder übernehmen Verantwortung (Haushalt, Geschwister, Partnerersatz).
  • Wechsel zwischen Fürsorge (in der Rolle des Erwachsenen) und Bestrafung, Abwertung etc. (in der Rolle des Kindes). Die Kinder müssen ständig in diesen beiden Rollen "switchen". Dies führt zu einer großen Ambivalenz der Gefühle und der Selbstwahrnehmung.
  • Kinder lernen, die Stimmung der Eltern zu „scannen“.
  • Oft entwickelt sich Hochsensibilität.
  • Als Erwachsene wählen Betroffene häufig toxische Partner, weil ihnen die übernommene Verantwortung vertraut ist.

 

Das begünstigt Schuldumkehr, Missbrauch und emotionale Abhängigkeit.

 

TäterIntrojekte

Die verinnerlichte Stimme des Täters

Täterintrojekte enstehen in frühester Kindheit

Täterintrojekte entstehen bereits in der vorsprachlichen Phase.
Das Kind übernimmt Verhalten, Werte und Meinungen des Täters als eigene Anteile. Diese „täterloyalen“ Anteile stellen eine Überlebensstrategie dar und sollten daher in der Therapie auch immer gewürdigt werden. Sie können aber zu massivem Selbsthass führen.

Auswirkungen von Täterintrojekten

  • Aggression gegen sich selbst oder andere
  • Reinszenierung von Gewalt- und Missbrauchserfahrungen
  • Verstärkung von Wertlosigkeitsgefühlen
  • Auslösung von Hilflosigkeit, Süchten, Selbstverletzungen bis hin zu Suizidgedanken

Da sie tief im Unterbewusstsein verankert sind, sind Täterintrojekte in der Therapie nur schwer zugänglich.

 

Toxische Scham und schuld

Das tiefe Gefühl nicht richtig zu sein

So entsteht toxische Scham und Schuldgefühle

 

Zwischen dem 9. Lebensmonat und 3. Lebensjahr entwickelt sich bei einem Kind der Selbstwert. In einem toxischen Umfeld ist diese Phase meist geprägt durch traumatische Erfahrungen in Form von ständiger Kritik, Strafen, Lächerlichmachen und Abwertungen. Es  entsteht eine große Frustration die sich tief in die Seele bohrt und dazu führt, dass eigene Bedürfnisse unterdrückt werden. Die Selbstwahrnehmung wird zerstört. 

 

Folgen toxischer Scham

  • Betroffene entwickeln ein falsches Schamgefühl („Mit mir stimmt etwas nicht“).
  • Starke Abhängigkeit von Meinungen und Ratschlägen anderer.
  • Emotionale Flashbacks (s. KPTBS)
  • Grundlage für Gaslighting und weitere Manipulationen.
  • Übernahme der Verantwortung für den Missbrauch („Es war meine Schuld“).
  • Verstärkung des inneren Kritikers → Selbstwert sinkt immer weiter.

Scham, Selbstkritik und Schuldgefühle ziehen weitere toxische Menschen an – und schwächen die Kraft, sich aus diesen Beziehungen zu lösen.

Das Leben verlangt von uns oft,

dass wir Dinge wegstecken,

für die wir keine Taschen haben.

Unbekannt